Der Titel des Buches: „Spiele wie im Fieber“, ist ein Lieblingssatz eines bekannten Theater-Regisseurs. Er ist von Prof. Hansgünther Heyme. „Ihr müsst spielen wie im Fieber,“ rief er mein Theaterleben lang immer wieder in die Proben. Dieser Spruch ist mir irgendwann in Fleisch und Blut übergegangen und ich katapultierte mich sofort bei Vorstellungsbeginn in einen Zwischenzustand zwischen bloßliegenden Nerven und ein Denken im Zeitraffer. Wir agierten unter seiner Anleitung in den Theaterstücken wie Derwische zwischen Himmel und Hölle. Er ist ein umstrittener Regisseur, weil er sehr stark bildhaft arbeitet, oder besser arbeitete. Er hat ein Alter erreicht, in welchem große Arbeiten am Theater inzwischen leider nicht mehr möglich sind für ihn. In seinen Inszenierungen hangelten wir von lebendigem Bild, oder Pose, zur nächsten. Oft war es so eine Fülle an optischen Aussagen, dass häufig die Qualität der Schauspieler kaum beachtet werden konnte, durch die Anhäufung der visuellen Reize. Heyme reizte Ende der 70ziger Jahre immer mehr die Performance-Grenzen aus, den Höhepunkt bildete 1981 seine Zusammenarbeit mit dem international anerkannten Performance-Künstler Wolf Vostel in „Die Phoenizierinnen des Euripides“. Nackte Frauen, Spiele mit Farben aus Farbeimern, Masken, Schreie, Rennen. Es war ein atemberaubender, bedrohlicher Reigen auf der Bühne, leidende und aggressive, sich biegende und mit Farbe bewerfende Frauen wie aus einer bitteren anderen Welt, keinesfalls einer schönen. Diese Inszenierung, habe ich das Gefühl, bildete den Höhepunkt seiner Versuche, bildende und darstellende Kunst zu vermengen. Danach wurde er wieder ruhiger und bediente wohl Bild für Bild, aber nicht mehr aufreißerisch, sondern behutsamer. Langsam bewegte er sich wieder zurück zum Theater und zum gesprochenen Text. Und da war ja noch der Text, den Heyme über alles liebte. Die großen Reime von Schiller, Goethe, Shakespeare. Glasklar und mit unglaublicher Feinheit behandelte er artifiziell Satz für Satz und stellte die Texte gegen die Lebhaftigkeit der Bewegungen auf der Bühne. Die Texte bekamen mehr Gewicht, die Bilder wurden sanfter. Alles fügte sich zu einem homogenen Ganzen und bald gab es sie dann, die unverkennbaren Inszenierungen von Heyme, die Klassiker in lebhaften Bildern, von den Schauspielern sehr schön gesprochen. Ich beobachtete ihn oft, wie er am Regiepult saß, einen Text sagte, die Hände begleiteten den Text, zart, mit weichen Bewegungen, so, als müsste er Satz für Satz schützen, damit er nicht kaputt geht.

 

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